Rezensiert: Niehaus/Wink, Weigand, Röder, Le Blanc

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Monika Niehaus / Michael Wink

Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt

S. Hirzel Verlag
184 Seiten

ISBN 978-3-7776-2842-4 (Printausgabe)
Hardcover – € 24,00

ISBN 978-3-7776-2905-6 (eBook, epub)
€ 19,90

Vielleicht haben Sie ja mit ebenso großer Begeisterung wie ich als Jugendlicher oder als Erwachsener Homers "Odyssee" gelesen. (Die "Ilias" hat mich allerdings nicht so sehr interessiert – zuviel Schlachtgetümmel.) Aber als was haben Sie diese wunderbar zeitlose Geschichte seinerzeit gelesen? Als märchenhaften Reisebericht ähnlich den Reisen Sindbads des Seefahrers aus Tausendundeine Nacht? Oder gar als eine Art von frühem Fantasyroman?

Daß man auch ganz anders, nämlich naturwissenschaftlich an diesen klassischen Stoff herangehen kann, zeigen die promovierte Biologin Monika Niehaus und ihr Koautor Michael Wink, seines Zeichens Professor für Pharmazeutische Biologie und Seniorprofessor am Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie der Uni­ver­sität Heidel­berg, in ihrem gemeinsamen Buch "Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützen kann". Auf dem Back­cover dieses Buches ist sein Inhalt sehr treffend beschrieben, weswegen ich diesen Text hier einmal zitieren möchte: "Die Abenteuer des Odysseus sind nicht nur ein Klassiker der Kulturgeschichte, sondern werfen auch für die Naturwissenschaften spannende Fragen auf. Moderne pharmakologische Erkenntnisse über die Wirkung von Pflanzenstoffen auf Körper und Geist können einen wichtigen Beitrag zur Erklärung von antiken Phänomenen wie Zyklopen und Zaubertränken leisten."

Was uns weder im Geschichts- noch im Biologieunterricht beigebracht wurde, ist die Tatsache, daß die alten Griechen ein umfangreiches empirisches Wissen über Gift- und Heilpflanzen besaßen. Wobei man diese Unterscheidung eigentlich nicht wirk­lich exakt treffen kann, denn schon damals wußte man, daß allein die Dosis das Gift macht – Pflanzenextrakte, die, in großen Mengen genossen, unweigerlich zum Tode führen, können in geringerer Dosierung also durchaus heilkräftige Wirkungen haben. Und nicht nur das: "(...) unsere Vorfahren entdeckten noch eine weitere Anwendungsmöglichkeit: In einer Dosierung, die höher ist als die eines Heilmittels, aber niedriger als die letale, also tödliche Dosis können Pflanzengifte wie Alkaloide bewusstseinserweiternd wirken. Sie können angenehme, aber auch schreckliche Empfindungen hervorrufen, zu Rausch und Halluzinationen führen, Raum- und Zeitgefühl verändern, ja sogar Kontakt zu den Göttern ermöglichen." (44) Bei den Mysterien von Eleusis und beim Orakel von Delphi wurden regelmäßig bewußtseins­verändernde Drogen benutzt. Auch die "Zauberin" Kirke, die Odysseus' Gefährten in Schweine verwandelt haben soll, bediente sich dazu möglicherweise einer im alten Griechenland "Kirkaia" genannten, hochgradig alkaloidhaltigen Pflanze – der Alrau­ne. "In richtiger Dosierung (...) wirken diese Substanzen sexuell stimulierend und führen häufig zu der Vorstellung, in ein Tier verwandelt zu sein – meist in ein Schwein, aber auch in einen Wolf oder in ein anderes Raubtier."" (49) Die euphori­sierende Wirkung wird sogar noch verstärkt, wenn man die Alraunen-Alkaloide mit Alkohol oder mit ein wenig Bilsenkrautextrakt kombiniert. Folglich brauchte Kirke "Odysseus' Mannen nur Wein anzubieten, den sie zuvor mit dem richtigen Maß an Alraunenwurzelsud versetzt hatte, um die Männer in Schweine – seit alters ein Bild ungezügelter sexueller Lust – zu verwandeln.“ (50/51) Eine sehr schlüssige Über­legung, die das Verwandlungsmotiv der Kirke-Episode auf simple biologische Tat­sachen zurückführt.

Um nur noch ein weiteres Beispiel anzufügen: Auch die Geschichte vom Zyklopen Polyphem hat, wie die beiden Autoren es behutsam formulieren, "möglicherweise, wie so oft in Märchen und Sagen, ein konkretes Vorbild." (19) In den gebirgigen Regionen Mittel- und Nordgriechenlands wächst nämlich der Weiße Germer, eine Pflanze, die sogenannte Steroidalkaloide enthält. In hoher Dosis tödlich, führen diese Verbindungen in geringerer Dosis zu Schädigungen des Embryos im Mutter­leib. Mutterschafe oder -ziegen, die im Frühstadium ihrer Trächtigkeit auf der Weide Germer fressen, gebären oft mißgebildeten Nachwuchs: "So bilden sich unter Umständen die Augenanlagen nicht richtig aus: Beide Augenanlagen verschmelzen zu einer einzigen Anlage mitten im Gesicht, und die Lämmer oder Zicklein werden mit einem 'Zyklopenauge' geboren“ (20), was man durch Tierversuche regelmäßig nachweisen kann. Aber damit hat es nicht sein Bewenden: "Da die Alkaloide des Weißen Germers die Passage durch den Verdauungstrakt unbeschadet überstehen und in den Körper aufgenommen (resorbiert) werden, kann das Gift auch in die Milch der Tiere gelangen. Darum ist es durchaus denkbar, dass schwangere Frauen in der sensiblen Periode ihrer Schwangerschaft Milch getrunken haben, die mit Veratrum-Alkaloiden belastet war." (20) Also mag es sogar vorgekommen sein, daß auch menschliche Babys als Zyklopen geboren wurden. Sollte das zutreffen (was sich experimentell natürlich nicht nachweisen läßt, da es zum Glück so etwas wie eine Wissenschaftsethik gibt), dann dürfte Homer dieses Phänomen sicherlich bekannt gewesen sein.

Andere Episoden der "Odyssee", etwa die von Skylla und Charybdis, dem viel­armigen Seeungeheuer und dem alles verschlingenden Wasserstrudel, lassen sich natürlich nicht auf die mutagene oder halluzinatorische Wirkung pflanzlicher Sub­stanzen zurückführen. Aber auch hier finden die beiden Autoren mögliche Erklä­rungen (welche, das sei an dieser Stelle nicht verraten), obwohl sich in solchen Fällen natürlich kein letzter Beweis führen läßt. Faszinierend bleiben ihre Spekula­tionen aber auf jeden Fall.

Lassen wir die beiden Autoren zum Schluß noch einmal selbst zu Wort kommen:

"Vieles von dem, was Sie auf den vergangenen Seiten gelesen haben, ist nicht sicher zu belegen. Und die 'Odyssee' ist sicherlich kein Tatsachenbericht, sondern ein sagenhaftes Geschehen. Dennoch ist es unserer Meinung nach legitim, nach naturwissenschaftlichen Indizien zu suchen, die einige der geschilderten wunder­baren Ereignisse und Phänomene erklärlich erscheinen lassen, denn manchmal ist die Realität fantastischer als jeder Mythos. In diesem Sinne hoffen wir, dass unsere Reise mit Odysseus und seinen Gefährten nebst all unseren Abstechern Ihre Fanta­sie beflügelt und Ihnen ein wenig Stoff zum Nachdenken geliefert hat." (Seite 170/171)

Beides leistet dieses Buch auf großartige Weise, und deshalb möchte ich es an dieser Stelle von ganzem Herzen empfehlen.

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Zu einem früheren Zeitpunkt habe ich bereits zwei andere Bücher von Monika Niehaus rezensiert. Diese Rezensionen finden Sie hier...

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© Verlag Dieter von Reeken.
© Titelfoto: Herbert Kalbitz, Offenbach

Jörg Weigand

Die Autoren der utopisch-phantastischen Leihbücher

Eine Übersicht 1946-1976

Verlag Dieter von Reeken
Klappenbroschur – 308 Seiten
€ 15,00
ISBN: 978-3-94580-755-2

Nach Träume auf dickem Papier. Das Leihbuch nach 1945 — ein Stück Buch­geschichte (2. erweiterte Auflage, Nomos-Verlag 2018) und Das utopisch-phan­tastische Leihbuch nach 1945. Eine Bestandsaufnahme (Verlag Dieter von Reeken, 2019) legt der bekannte Leihbuch-Fachmann Jörg Weigand nun eine weitere Veröffentlichung aus seinem Spezialgebiet vor: Die Autoren der utopisch-phan­tastischen Leihbücher. Eine Übersicht 1946-1976. Wie Das utopisch-phantastische Leihbuch nach 1945 ist auch dieser Band wieder als Lexikon angelegt und bietet von A bis Z eine umfassende Übersicht über die Autoren. Dabei berücksichtigt Jörg Weigand nicht nur reine Science-Fiction-Romane, sondern auch Romane anderer Sparten, sofern sie deutlich erkennbare utopisch-phantastische Elemente enthalten.

Ergänzt werden die kurzen Texte zu den Autoren und die Aufzählung ihrer utopisch-phantastischen Publikationen durch 12 Farbabbildungen auf den Umschlagklappen und 129 Schwarzweißabbildungen im Innenteil, die zusammen einen schö­nen Überblick über die verschiedenen Arten von Titelillustrationen während der Geschich­te des Leihbuchs bieten, von zweckentfremdeten Filmfotos bis hin zu grafisch äußerst gelungenen Gestaltungen, die ihre werbliche Funktion, auf den Inhalt des jeweiligen Buches aufmerksam zu machen, in der Regel hervorragend erfüllen.

Bei der Lektüre der Lexikoneinträge fällt auf, wie viele der damaligen Autoren bis heute trotz großen Rechercheaufwandes weder von Jörg Weigand noch von anderen Leihbuchforschern enttarnt werden konnten. "Ungelöstes Pseudonym" ist ein sehr häufiger Eintrag, desgleichen "Lebensdaten nicht bekannt". Die Verlagsarchive, aus denen man sicherlich mancherlei Informationen hätte entnehmen können, existie­ren aufgrund der Abwicklung der großen Leihbuchverlage aus den Jahre 1946 bis 1976 natürlich längst nicht mehr. Und da der Art von Genreliteratur, die damals vorzugsweise im Leihbuch erschien, in literarischen Kreisen stets ein Ruch nach Schmutz und Schund anhing, sahen sich viele der Autoren genötigt, lieber anonym zu bleiben. Daß aber nicht alles, was im Leihbuch erschien, notwendig trivial sein mußte, zeigen die Werke inzwischen allgemeiner anerkannter Autoren von Isaac Asimov über Kurd Lasswitz und Stanislaw Lem bis hin zu A.E. van Vogt, die damals (wenngleich oft in nicht besonders guten Übersetzungen) im Leihbuch veröffentlicht wurden.

Einzig störend an Jörg Weigands neuester Publikation ist die leider recht große Zahl an Druckfehlern. Wenn etwa als Koautor von Philip Wylie bei zwei Roma­nen "Philip Wylie" genannt wird, dann kann man das leicht korrigieren, wenn man zuvor den Eintrag über Edwin Balmer gelesen hat, wo Philip Wylie bei denselben zwei Roma­nen als dessen Koautor angegeben ist, aber wenn als Lebensdaten des Autors Albert Karl Burmester "1980-1974" angegeben ist, dann kann man höchstens ver­muten, daß er womöglich von 1880 bis 1974 gelebt haben mag. Bei einer etwaigen Neuauflage dieses ansonsten wieder einmal sehr verdienstvollen Bandes sollte man derartige Fehler auf jeden Fall abstellen.

Als einzige der in dieser Rezensionsstrecke besprochenen Publikationen können (und sollten!) Sie diesen Band beim Buchhändler Ihres Vertrauens bestellen. Aber falls Ihnen das zu umständlich ist, geht es natürlich auch über das Internet.

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© Phantastische Bibliothek Wetzlar
© Für das Cover wurde eine kostenfreie Vorlage
© von Karen Nadine Smits / Pixabay verwendet.

Alexander Röder

Fenster

Phantastische Miniaturen, Band 46
Verlag Phantastische Bibliothek Wetzlar
Mittelheftung · 80 Seiten
€ 3,00

Die Reihe der "Phantastischen Miniaturen" aus der Phantastischen Bibliothek Wetz­lar wurde bereits im Jahre 2011 begründet – etwa 80-seitige Hefte mit Kürzest­geschichten, die in der Regel zwei oder drei Druckseiten nicht überschreiten. In­zwischen marschiert die Reihe strammen Schrittes auf die Nummer 50 zu, die sie wohl zum 10-jährigen Bestehen im Frühjahr 2021 erreichen wird.

Normalerweise handelt es sich bei diesen Bänden um Anthologien mit Stories einer Vielzahl von Autoren. Ausnahmen bestätigen hier allerdings die Regel; ich denke hier etwa an die Bände Kopfschüttler (17), Stirnrunzler (29) und Haarsträuber (43), die jeweils groteske Erzählungen des Autorenquartetts Becker/Löffler/Röder/ Schwarz­kopf präsentierten, oder an den Band Weiße Hölle (20) mit Novellen, in denen ein vorgegebener Handlungsbeginn fortgeschrieben werden sollte. Neuer­dings sind nun auch zwei Autorenkollektionen hinzugekommen, nämlich der Band Türen (41) von Sabine Frambach und zuletzt Fenster (46) von Alexander Röder.

Während der Band von Sabine Frambach leider auch eine Reihe eher schwacher Stories enthält, überzeugen die Horrorgeschichten in Alexander Röders Storyband Fenster auf ganzer Linie. Röder gelingt es hier, das Grauen nicht einfach platt darzustellen, sondern es gleichsam erst als Spätwirkung nach der Lektüre im Kopf seiner Leser entstehen zu lassen – eine Kunst, die nicht viele Autoren des phantas­tischen Genres beherrschen. Wenn überhaupt, dann erinnern mich diese höchst eigenständigen Geschichten noch am ehesten an die Erzählungen des belgischen Phantasten Thomas Owen (eigentlich: Gérald Bertot) und hier besonders an die schreckerregenden 15 "Häuser"-Miniaturen seines Erzählungsbandes Les maison suspectes et autres contes fantastiques, der meines Wissens leider nie in deutscher Sprache erschienen ist. Immerhin antiquarisch erhältlich ist allerdings noch der seinerzeit bei Insel und später in der "Phantastischen Bibliothek" des Suhrkamp-Verlags erschienene Band Wohin am Abend?, der jedem Freund der Phantastik wärmstens ans Herz gelegt sei. Wäre Alexander Röder nur ein paar Jahrzehnte früher geboren worden, hätten seine Geschichten durchaus in einer solchen edlen Phantastik-Hardcover- oder -Taschenbuchreihe erscheinen können; durch die "Un­gnade der späten Geburt" (um einmal ein Wort aus einem ganz anderen Kontext in sein Gegenteil zu verkehren) muß er sich jedoch mit einer 300er-Auflage in Heft­form begnügen, was leider ein bezeichnendes Licht auf die derzeitige Situation der Phantastik-Kurzgeschichte in Deutschland wirft.

Erwähnt sei an dieser Stelle noch, daß Röder seine Geschichten sehr geschickt mit einer Klammer aus zwei kurzen und wohl zum Teil ein wenig fiktionalisierten auto­biografischen Texten eingefaßt hat, in denen er zum Beispiel Hintergrund­informa­tionen zum wunderbaren Titelbild des Bandes gibt. Und verschwiegen werden soll auch nicht, daß sich eine der Geschichten sehr geschickt einiger Zitate aus einem Dylan-Song bedient, der kurz nach seiner Erstveröffentlichung auf Dylans Album John Wesley Harding von Jimi Hendrix gecovert wurde und dadurch zu einiger Berühmtheit gelangte. Welche Geschichte das ist, sollten Sie aber am besten selbst herausfinden.

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© Feder&Schwert
© Umschlagillustration: Oliver Graute

Alexander Röder

Der Mönch in Weimar

Kindle eBook · 576 Seiten
€ 8,99

Um noch einmal bei Alexander Röder zu bleiben: Sein 2013 im Verlag Feder&Schwert erschienener Erstlingsroman Der Mönch in Weimar ist inzwischen leider nur noch als eBook erhältlich, was in meinen Augen ein wahres Armuts­zeugnis für die deutsche Verlagslandschaft darstellt, denn immerhin stand Röder mit diesem Roman 2014 auf der Shortlist für den SERAPH der Phantastischen Akademie e.V. in der Kategorie "Bestes Debüt". Und ein solcher Roman sollte in gedruckter Form nicht schon nach wenigen Jahren wieder in der Versenkung ver­schwinden.

Beim "Mönch" des Titels handelt es sich übrigens nicht um einen solchigen, sondern um Matthew Gregory Lewis (1775-1818), der nach dem Sensationserfolg seines schauerromantischen Erstlingsromans The Monk (1796), den er im Alter von nur 19 Jahren schrieb, den Spitznamen "Monk" Lewis erhielt. Dieser Autor einer der wichtigsten Gothic Novels reiste – und das ist historisch belegt – nach Weimar, um dort seine großen Idole Goethe und Wieland zu besuchen.

Schauerromane leben ja nicht zuletzt von Elementen wie Geheimgängen oder un­heim­lichen Verschwörungen. Eben diese Elemente nun benutzt Alexander Röder für seinen Roman, indem er den Schauerroman-Autor "Monk" Lewis gemeinsam mit Goethe ihre eigene Gothic Novel erleben läßt. Alsbald stellt sich nämlich heraus, daß das eigentlich etwas provinzielle Weimar durch die Umtriebe einer Verschwö­rer­gruppe bedroht wird, die die bestehenden Verhältnisse gleichsam unterminieren und dadurch zum Einsturz bringen will. Und das ist in diesem Fall sogar wörtlich zu verstehen, da die Verschwörer inzwischen die ganze Stadt regelrecht unterwühlt haben, wobei ihnen ein System alter Bergwerksstollen in der Umgebung sehr zupaß kommen – übrigens keineswegs eine weit hergeholte Idee, denn Goethe war ja auch Bergwerksinspektor des Herzogtums Weimar. Historische Realität und Röders phantastische Erfindung treffen sich hier also auf das Glücklichste, was den Roman rundherum zu einem Lesevergnügen macht.

Bestellt werden kann Der Mönch in Weimar z.B. über:

Neben Der Mönch in Weimar hat Alexander Röder inzwischen auch mehrere Romane zur Serie "Karl Mays Magischer Orient" geschrieben, die im Karl-May-Verlag erscheint. Mehr darüber hier auf meiner Internetseite unter

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© Titelgrafik: Maike Heimbach unter Verwendung
© von Fotos von H Heyerlein, Robynne und
© Franck V über unsplash.com

Lernende Maschinen

Produkte und Produktionsprozesse der nahen Zukunft

Edition der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Band 5

Taschenbuch · 216 Seiten
Unverkäuflich

Vorhin sprachen wir ja schon von den "Phantastischen Miniaturen" aus der Phantas­tischen Bibliothek Wetzlar. Im Laufe der Jahre hat sich dort ein Stamm hochklassi­ger SF- und Phantastikautoren herausgebildet, von denen auch die 32 Kurz­geschich­ten des hier vorliegenden Bandes Lernende Maschinen stammen, der – für deutsche SF-Kurzgeschichten-Verhältnisse derzeit sensationell – in einer Auflage von nicht weniger als 2.000 Exemplaren (!) erschienen ist. Um es gleich vorweg­zunehmen: Es ist eine hervorragende Anthologie geworden, die man jedem SF-Fan nur ans Herz legen könnte, wenn nicht ...

... ja, wenn die Sache nicht einen kleinen Haken hätte. Diese Anthologie gibt es nämlich nirgendwo zu kaufen, und zwar nicht einmal bei der Phantastischen Bib­lio­thek selbst. Daß ich überhaupt ein Exemplar davon besitze und an dieser Stelle etwas darüber schreiben kann, verdanke ich einzig und allein der Freundlichkeit einer der Mitautorinnen des Bandes. Also: Danke, Monika!

"Nicht zu kaufen?"" werden Sie jetzt fragen. "Aber wieso das denn nicht?"

Antwort: Der Band gehört zum Forschungsprojekt "Future Life" der Phantastischen Bibliothek. Er wurde (ich zitiere) "angeregt vom Hessischen Ministerium für Wirt­schaft, Energie, Verkehr und Wohnen als Wissens- und Technologietransfer­vorhaben und wird finanziert im Rahmen des Operationellen Programms für die Förderung von Investitionen in Wachstum und Beschäftigung in Hessen aus Mitteln des europäischen Fonds für regionale Entwicklung 2014 bis 2020 (IWB-EFRE Hessen) zur Stärkung von Forschung, technischer Entwicklung und Innovation". Kurz: Die komplette 2.000er-Auflage wird, sieht man einmal von den Beleg­exemplaren der Autoren ab, vom Ministerium verschenkt, und zwar nicht an SF-Fans, sondern an Firmen und Institutionen, die sich irgendwo im Bereich des maschinellen Lernens tummeln.

Thomas Le Blanc, der inzwischen sogar zum Mitglied des Zukunftskreises beim Bundesministerium für Bildung und Forschung aufgestiegen ist, hat es also geschafft, durch seine Kontakte zum hessischen Wirtschaftsministerium eine lupenreine SF-Anthologie in den Stiel zu stoßen – eine Leistung, vor der man wirklich nur den Hut ziehen kann. Was mich allerdings irritiert, ist der Schlußsatz seines Vorworts. Dort schreibt er nämlich: "... schimmert in den Geschichten dennoch ein optimistischer Grundton und eine positive Erwartungshaltung an diejenige Zukunft durch, die wir erleben werden." Da muß er wohl ein anderes Buch redigiert haben als das, das ich gelesen habe! In meinen Augen enthält der Band vielmehr 32 Varianten der Beschreibung jener Zukunftshölle, die durch Digitalisierung und KI-Technologien auf uns wartet, wenn wir nicht schnellstens gegensteuern. Aber vielleicht ist ja gerade dieser Band ein nützlicher Warnschuß für all die von keinen Zweifeln beleckten Technologieoptimisten an den Schaltstellen der politischen und wirtschaftlichen Macht, endlich einmal darüber nachzudenken, wieviel Unheil eine unbegrenzte Digitalisierung anrichten kann. Zu hoffen wäre es, aber recht daran glauben mag ich leider nicht.

Um noch einmal zum Literarischen zurückzukommen: Auf eine inhaltliche Bespre­chung der Geschichten in Lernende Maschinen werde ich an dieser Stelle bewußt verzichten. Die hebe ich mir lieber für den Fall auf, daß der Band eines Tages – was außerordentlich wünschenswert wäre – auch noch in einem regulären Verlag erscheint, damit ihn auch der geneigte SF-Leser kaufen und mit großem Vergnügen lesen kann.

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